Zirkus – mit Wildtieren oder ohne?
Madita und Lucas sitzen in der Küche und bereiten gemeinsam Kartoffelsuppe für das Mittagessen vor. Plötzlich hört Lucas im Radio irgendetwas über den Zirkus Paderborn, den die beiden am kommenden Wochenende besuchen gehen wollten. Er bittet Madita, das Radio etwas lauter zu stellen.
Interview mit dem Zirkusdompteur Peter Peterson und der Tierschutzaktivistin Lea Prüfer:
Deutschland ist eines der Länder in Europa, das den ca. 300 umherfahrenden Zirkusbetrieben nach wie vor ein Programm mit Wildtieren, wie Affen, Elefanten, Tigern oder Schlangen erlaubt. Wildtiere stellen allerdings einen besonders hohen Anspruch an ihre Haltung und Pflege. Tierschützer sind deswegen der Meinung, dass ein Zirkusunternehmen diesen Ansprüchen nicht gerecht werden kann und fordern ein generelles Verbot von Wildtieren im Zirkus.

Ich begrüße zu unserem heutigen Streitgespräch Herrn Peterson und Frau Prüfer. Herr Peterson ist Dompteur im Zirkus Paderborn und Frau Prüfer setzt sich als Tierschutzaktivistin für das Wohl der Tiere ein.
Herr Peterson, bitte erzählen Sie unseren Zuhörern doch einmal kurz, welche Tiere in Ihrem Zirkus zu sehen sind und wie Sie die artgerechte Haltung Ihrer Tiere ermöglichen.
Herr Peterson: Sehr gerne. In unserem Unternehmen haben wir rund 100 Tiere, von denen der Großteil auch auftritt. Im aktuellen Programm finden sich z.B. Nummern mit Elefanten, Pferden und Zebras. Diese Tiere müssen sich natürlich auf großen Koppeln auslaufen. Weshalb wir immer auf der Suche nach möglichst großen Stellflächen sind für unseren Zirkus. Wenn es geht, sogar mit einer Fläche von mindestens 1,7 ha. Das Wohl der Tiere steht in unserem Unternehmen an erster Stelle. Wenn wir beispielsweise an einen neuen Spielort kommen, werden zuerst die Tiere versorgt und gefüttert, bevor alle weiteren Zelte und Manegen aufgebaut werden.
Frau Prüfer: Ja, da sprechen Sie gleich ein wichtiges Thema an. Sie setzen die Tiere ständig irgendwelchem Stress aus. Das ewige Umherfahren von Ort zu Ort belastet die Tiere stark. Viele von ihnen müssen während der Fahrt in viel zu kleinen Transportern stehen. Manche haben nicht einmal ausreichend Platz zum Stehen, sie liegen nur in dunklen und engen Boxen.
Herr Peterson: Da kann ich Sie beruhigen, Frau Prüfer. Wir transportieren unsere Tiere in LKWs, die extra für die Tiere angefertigt wurden. Nach der Ankunft kommt jedes Tier gleich wieder in seine alte Box oder sein altes Gehege zurück. So werden sie nicht durch andere Gerüche irritiert. Wir sind bestrebt, die artgerechte Haltung an jedem Spielort zu gewährleisten und orientieren uns daher an den natürlichen Lebensbedingungen der Tiere. Um ihnen zu ermöglichen, ihre natürlichen Verhaltensweisen beizubehalten. So haben beispielsweise unsere Kapuzineräffchen viel Auslauf, weil wir ihren Wagen erweitert haben. Die Äffchen haben jetzt genug Platz umherzulaufen. Sie können sich sogar in eigene Ruheräume zurückziehen.
Frau Prüfer: Aber was machen Sie, wenn sich ein Äffchen irgendwann mal verletzt? Während der Show oder einfach so im Spiel? Leider ist nicht jeder Tierarzt auf Wildtiere spezialisiert, so dass die Behandlung von kranken Tieren schnell sehr teuer werden kann oder evtl. sogar komplett darauf verzichtet wird und die Tiere dann leiden müssen.
Herr Peterson: Genau aus diesem Grund verzichten wir ja immer stärker auf Wildtiere, welche das Reisen z.B. nicht so gewohnt sind. Unsere Trampeltiere sind ja Nomadentiere, gut domestiziert und deshalb macht ihnen das nicht so viel aus. Doch ich komme mal zurück auf Ihre Frage. Wir kennen einen Tierarzt, der auf große Tiere und Wildtiere spezialisiert ist. Wenn eines unserer Tiere mal krank wird, dann rufen wir ihn an und er kommt sofort zu uns.
Frau Prüfer: Das hört sich ja alles ganz idyllisch an. Aber Herr Peterson, Tierschutzverbände haben schon lange festgestellt, dass bei den Dressuren falsche Hilfsmittel und Gewalt angewendet werden. Unter Zwang erlernen die Tiere Tricks und „Kunststücke“, die nichts mit ihrem natürlichen Verhalten und ihren Bedürfnissen zu tun haben. Im Endeffekt ist nur wichtig, dass die Menschen gut unterhalten werden. Auf das Wohl der Tiere wird dann kaum Rücksicht genommen.
Herr Peterson: Da muss ich Ihnen teilweise zustimmen. Leider gibt es tatsächlich immer noch einige Zirkusse, bei denen die Tierlehrer nicht fachmännisch genug auf die Tiere eingehen und ohne Sachkunde arbeiten. Unser Motto bei der Arbeit mit den Tieren ist der gegenseitige Respekt. Wir Menschen müssen die Tiere als Individuen respektieren und uns an der Biologie der Tiere orientieren. Das heißt, dass man die Tiere bei der Dressur nicht überfordern darf, sondern ihnen mit Geduld begegnen muss. Die Tiere dürfen keine Angst vor den Menschen haben, wir arbeiten mit gegenseitigem Vertrauen.
Wir arbeiten ausschließlich mit Lob und Geduld. Für alle diese Punkte haben wir in unserem Zirkus einen Kurator angestellt, der sich um das Wohl der Tiere kümmert. Er stellt die Tiergruppen zusammen, wählt und plant ihre Unterkünfte und Versorgung und ist auch verantwortlich für ihre geistigen Anregungen.
Frau Prüfer: Nun, trotz Kurator und geplanten Aktivitäten für die Tiere können Sie aber nicht abstreiten, dass sich das Leben der Tiere im Zirkus weit von einem artgerechten Leben in freier Wildbahn unterscheidet. In Gefangenschaft sind Tiere selten fortpflanzungsfähig und sterben aufgrund unterschiedlicher Stressfaktoren auch früher.
Herr Peterson: Wie ich bereits eingangs erwähnte, sind wir sehr darauf bedacht, dem natürlichen Verhalten unserer Tiere nachzukommen. Natürlich wissen wir, dass Elefanten z.B. in Einzelhaltung eingehen würden. Sie brauchen soziale Kontakte für ihr Wohlbefinden. Bei uns leben sie seit 15 Jahren in einer Gruppe mit hervorragenden sozialen Strukturen zusammen.
Bei den Pferden wiederum halten wir nur Hengste in unserer Herde. Da es keine Stute unter ihnen gibt, verspüren sie auch keinen Fortpflanzungstrieb und sind deshalb keinem Stress ausgesetzt.
Jetzt sind wir beinahe am Ende unseres Streitgespräches angekommen. Abschließend können wir hinzufügen, dass gut zwei Drittel aller Menschen in Deutschland keine Wildtiere mehr in Zirkussen sehen wollen. So lauten jedenfalls die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. Was kann man da machen? Wie sehen Sie beide denn die Zukunft des Zirkus?
Frau Prüfer: Ich finde, dass ein Zirkus ganz auf Tiernummern verzichten kann. Es gibt andere interessante und lustige Unterhaltungsmöglichkeiten, wie Artistik oder Clownerie. Und wenn die Besucher entscheiden, Zirkusse mit Tiershows zu meiden, dann wäre das schon ein guter Anfang. Schließlich gehen ja einige große deutsche Städte da schon mit gutem Beispiel voran: Sie lassen Zirkusse mit Wildtieren nicht mehr in ihren Städten auftreten.
Außerdem muss es endlich ein bundesweites einheitliches Gesetz geben, das genau vorschreibt, wie man Tiere zu halten hat. Die jetzigen Richtlinien sind veraltet und ungenau.
Herr Peterson: Ich stimme den Vorschlägen von Frau Prüfer größtenteils zu. Es müssen einheitliche Vorgaben für die Haltung von Wildtieren in Zirkusunternehmen erlassen werden. Aber ganz auf Tiereinlagen im Zirkusprogramm verzichten, das würde ich dann doch nicht. Für Familien ist es weiterhin wichtig, dass die Kinder unterschiedliche Tiere sehen und kennen lernen. Durch das genaue Beobachten der Tiere werden die Kinder für die Eigenarten und Schönheiten aller Tiere sensibilisiert. Und sie lernen ihre Umwelt und die Natur zu achten und zu berücksichtigen. Die Zukunft der Zirkuswelt liegt aber vielleicht auch in der digitalen Kunst. Wer weiß, vielleicht finden wir ja uns bald in einer medialen Zirkuswelt wieder?
Ich danke Ihnen recht herzlich für dieses offene Gespräch und wünsche Ihnen beiden noch einen guten Heimweg und einen schönen Abend!
Frau Prüfer & Herr Peterson: Vielen Dank. Auf Wiedersehen!


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